ONLY GOD FORGIVES – Analyse zu Nicolas Winding Refns Geniestreich

Es ist schon erstaunlich, wie einige Kritiker ONLY GOD FORGIVES von Nicolas Winding Refn mutwillig mißverstehen wollen. Der Film sei gewaltverherrlichend, inhaltsleer, überästhetisch und wieder mal eine One-Man-Show von Ryan Gosling. Nichts davon ist der Fall. Zwar ist die Gewaltdarstellung brutal, der Plot schlicht, die Künstlichkeit groß und Ryan Gosling spielt auch dieses Mal großartig, doch warum muß man diesen Film mit moralinsauren Kategorien bewerten? Wenn man auf der bloßen Handlungsebene verweilen will, gibt der Film in der Tat nicht viel her. Aber wenn wir von einem großen Kunstwerk sprechen, meinen wir aus gutem Grund die formale Umsetzung, die eine Inhaltsseite offenbart, die weit über das „Who dunnit” hinausgeht. Der Regisseur irritiert unsere Auffassung, die das Kino sonst stets wiederholt, dass es sich bei den auftretenden Schauspielern im Film um Personen handelt, die mit komplexen Psychen ausgestattet sind. Angelehnt an das Theater der historischen Avantgarde, an Brecht und das maskenhafte Barocktheater will ONLY GOD FORGIVES genau damit brechen. Wie man einzelne Szenen mit Hilfe des Montageprinzips zusammenkleben kann, so klebt Refn auch die Figuren zusammen, jedoch so bruchstückhaft, daß sie nicht zu Personen werden. Sie bleiben Montagekomplexe, die von einzelnen Schauspielern buchstäblich verkörpert werden. Neben Alejandro Jodorowsky, dem der Film gewidmet ist, werden Stilmittel von Hitchcock, Tarantino, David Lynch, Brillante Mendoza und Luis Buñuel zitiert, mit denen Nicolas Winding Refn jedoch etwas völlig Neus kreiert. Es ist ein Film, der unsere Kinowahrnehmung, unser Sehen und unseren Hang zu alltäglichen Narrativen vollkommen in Frage stellt und dabei trotz aller Brutalität von einer hinreißenden Poesie getragen ist. Das Wechseln von Präsenz und Abwesenheit ist Thema des Films und gleichzeitig das Grundthema des Kinos selbst. Mehr dazu im Video!

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