ALL IS LOST – Kritik & Analyse

J.C. Chandor ist ein kühner Versuch geglückt: Ein Mann ist zwei Stunden lang allein zu sehen. Ein vorbeitreibender Frachtcontainer hat seine Segelyacht demoliert. Der Mann ist von der Außenwelt abgeschlossen. Er wird kaum sprechen, er wird nicht wild grimassieren, er wird mit Bedacht und in aller Stille Haltung bewahren. Man braucht im Kinosaal ein gutes Publikum, denn leider glauben — so erlebte ich es zumindest – einige verblödete Zuschauer die Stille mit ihrem Geschwätz kompensieren zu müssen. Robert Redford spielt — nach so vielen großartigen Rollen — in „All is lost” die Rolle seines Lebens. Es ist der Gipfel einer Schauspielkunst von ungeheurer Präsenz. Und es ist der Gipfel des Filmemachens, diesen Minimalismus derart spannend zu gestalten. Der sparsam eingesetzte Soundtrack läßt bisweilen Momente entstehen, die man sonst nur von Ennio Morricone kennt. Die Kameramänner Frank G. DeMarco und Peter Zuccarini verzichten auf die üblichen Spannungseffekte, hier gibt es keine enervierende Wackelkamera, vielmehr ermöglicht uns die Kamera einen formalen, bildnerischen Zugang zur Leinwand. Die Kamera changiert zwischen Abstraktion und Figuration, sodaß sich für den Zuschauer Reflexionsräume auftun. J.C. Chandor, den in seinem gelungenen Debütfilm „Margin Call” das Maskenhafte der Wall Street interessierte, konzentriert sich nun ganz und gar auf den Menschen. Nachdem viele postmoderne Theorien und auch die Populärkultur den Anthropozentrismus verunglimpften, wird der Mensch hier wieder in den Mittelpunkt gerückt. Chandor erlaubt sich keinen Öko-Kitsch, die Natur und ihre Elemente verhalten sich gegenüber dem Menschen gleichgültig. Da ist keine ‚gute Mutter Erde’, Robert Redford ist auf sich allein gestellt. Und wir Zuschauer sind es auch. Mehr dazu im Video!

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