FAHRENHEIT 451 – Filmanalyse zu einem Klassiker

Der neue Kultursenator von Berlin, Tim Renner, eigentlich ein DJ, mahnte allen Ernstes an, die Deutschen sollen endlich die Finger von den gedruckten Büchern lassen und stattdessen ein elektronisches Lesegerät zur Hand nehmen. Wäre man ein Verschwörungstheoretiker, könnte man meinen, der immer schon der Wowereit-Kultur hörige Renner, handle im Auftrag des Staates und seiner Geheimdienste. Denn nach dem gläsernen Bürger kommt der gläserne Leser. Welcher Film könnte also aktueller sein als Francois Truffauts Science-Fiction-Klassiker „Fahrenheit 451“ aus dem Jahre 1966 nach einem Roman von Ray Bradbury. Aktuell deshalb, weil die dystopische Prophezeiung längst Realität geworden ist. Schlimmer noch, die Wirklichkeit hat die Fiktion wieder einmal überboten. Bradbury und Truffaut ahnten noch nichts von der Digitalisierung der Welt, den omnipräsenten Smartphones, den Ebooks. Immerhin den Serienhype haben beide schon vorweggenommen. Der große Mime Oskar Werner spielt einen Feuerwehrmann namens Montag, ein ungebildeter Technokrat, der im Auftrag der Regierung mit seinen Kollegen die verbliebenen Bücher verbrennt. Jedes Buch ist gefährlich. Es könnte unglücklich oder melancholisch machen, es könnte Streit oder gar Haß schüren. Verbrannt wird hier alles – egal ob es von Nietzsche, Nabokov, Hitler oder Dickens ist. „Fahrenheit 451“ zeigt uns, wie das Medium Buch zerstört wird. Heute braucht man dazu keine Flammenwerfer mehr. Heute zerstört man dieses Jahrhunderte alte und bewährte Medium mit Ebooks und der Ideologie der Digitalisierung (Open Access, Digital Humanities). Doch es geht in „Fahrenheit 451“ nicht nur um das Buch als Gegenstand. Hinzu kommt die Ideologie der Gleichmacherei, die die Ansprüche und das Niveau der Hochkultur nicht mehr länger dulden will. Schließlich muß man ja ‚die Menschen dort abholen, wo sie stehen‘, wie demagogische Politiker und Wirtschaftsvertreter gerne behaupten. Weniger Kultur, stattdessen ruft Montags Vorgesetzter hellsichtig den WM-Seligen zu: „Mehr Sport für alle! Jubel, Trubel, Gemeinschaftsgefühl!“. „Fahrenheit 451“ ist der Film der Stunde.

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