Liebe & Sex im Film – Warum wird das Kino immer prüder?

Erinnern Sie sich noch, wann Sie die letzte barbusige Frau in einem Hollywoodfilm gesehen haben? Es muß in den Neunzigern gewesen sein. Und wann haben Sie zuletzt eine erotische Sexszene im Mainstreamkino gesehen? Auch das ist bestimmt eine Weile her. Während früher kaum ein Film ohne Sex auskam, scheinen wir uns auf ein neues Zeitalter der Prüderie hinzubewegen – und gleichzeitig schreitet die Pornographisierung der Gesellschaft weiter voran. Der Journalist Mark Simpson, der schon die Typbezeichnung „metrosexuell“ ins Leben rief, spricht dieser Tage vom „spornosexual“. Was in etwa meint: when sports meets porno. Es geht um die männlichen Fitnesstudiokörper, die hypersexualisiert sind und überall zur Schau gestellt werden. Dem Porno gemäß haben die Träger dieser Körper zwar viel Sex – doch eher als Teil eines Workouts. Sex als grenzüberschreitender erotischer Akt, der in Verbindung mit Liebe wahrhaft revolutionär sein kann, wird als romantische Spinnerei desavouiert. Die Darstellung des Sexes hat sich offenbar nahezu ganz in die Pornographie verlagert. Die kurzen Clips auf den einschlägigen Seiten im Internet dienen als Tutorials für hochleistungsfähige Sex-Performer. Doch dem Verlust des Sexes auf der Leinwand geht auch der Verlust der Liebe einher. Die großen Liebesgeschichten, die oftmals tragisch, finden entweder noch im Historienfilm statt oder sie sind outgesourct in fremde Länder, in denen die Liebe auf viele Widerstände stößt: Romeo und Julia im Iran, Romeo und Romeo unter ultraorthodoxen Juden in Israel, Julia und Julia im muslimischen Afrika. Eine Liebestragödie im Westen produziert nur noch der Tod. So ist der gelungene Liebesfilm „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ eine rühmliche Ausnahme, weil die Liebe zwischen zwei krebskranken Teenagern, Hazel Grace (Shailene Woodley) und Augustus (Ansel Elgort), ernst genommen wird. Doch auch hier wird eine Sexszene nur angedeutet und dann rasch abgeblendet. Dabei ginge es nicht darum, die Pornographie in den Mainstreamfilm zu verlängern, sondern für die sexuelle Vereinigung in Liebe Bilder zu finden. So etwas hat es in weniger prüden Tagen auch im Mainstreamkino gegeben: Zwischen Brooke Shields und Martin Hewitt in Franco Zeffirellis „Endlose Liebe“ wird die Verbindung von Liebe und Sex zu einem revolutionären Akt.

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