Warum ich keine Fernsehserien mag!

Ich lehne Fernsehserien ab. Ich habe mich etlichen Serien ausgesetzt. Serien, von denen zu lesen und zu hören war, sie seien genial, große Kunst, narrative Revolutionen, hochspannend, von gesellschaftspolitischer Brisanz usf. Zugegeben: Es gab bisweilen ansprechende Szenen, witzige Dialoge, originelle Figuren, kluge Blickrichtungen. Aber all das rechtfertigt meines Erachtens den hohen Zeitaufwand, will man sämtliche Staffeln einer Serien sehen, leider überhaupt nicht. Immer war ich enttäuscht und verlor nach zwei bis drei Stunden die Lust: Warum sollte ich mir von z.B. „Mad Men“, „Breaking Bad“, „True Blood“, „House of Cards“ mehr als drei vier Folgen ansehen? Das Konzept ist durchschaut, die Ästhetik erkannt. Nur um jetzt eine natürlich völlig überraschende Wendung im Plot oder eine noch viel überraschendere Charakterveränderung der Hauptfigur vorgeführt zu bekommen? Alle Serien bedienen mehr oder weniger ein naives Rezeptionsmuster, das für Trivialkultur so typisch ist: Was geschieht als nächstes, who dunnit? Große Filme zeichnet gerade aus, daß diese Frage eigentlich keine Rolle spielt. Im Gegenteil: Kennt man erst einmal den Plot eines großen Films, sagen wir aus Hitchcocks „Psycho“, muß man sich nicht mehr länger auf das „WAS geschieht?“ konzentrieren, sondern kann auf das „WIE geschieht es?“ seinen Fokus richten. Eine ästhetische Erfahrung ist an das Wie geknüpft, das Was ist nebensächlich. Das Wie aber ist bei einer Fernsehserie nicht über zwanzig Stunden interessant. Serien sind gutes Kunstgewerbe, mehr nicht.  Wenn der Film ein konzentrierter Brühwürfel ist, dann ist die Serie die gestreckte, verwässerte Suppe.  Sicherlich hat sich die Qualität der amerikanischen Fernsehserien deutlich verbessert und so entstehen gepflegte Unterhaltungsprodukte, die zu berechtigter Zerstreuung einladen – mit Kunst jedoch hat das wenig zu tun. Nur weil etwas lange dauert, muß es noch lange nicht von ästhetischer Größe sein. Viele Kritiker, Zuschauer und Analytiker wollen jedoch die Serie zur hohen Kunst erheben, vermutlich ist dies als ein Ausdruck schlechten Gewissens zu verstehen – Wochen und Monate mit Seriengucken zugebracht zu haben, das muß man irgendwie rechtfertigen. Doch warum der Aufwand? Laßt uns wieder ins Kino gehen!

Comments
One Response to “Warum ich keine Fernsehserien mag!”
  1. Daniel Saner sagt:

    Ich empfehle, abseits amerikanischer Fernsehserien ein paar britischen eine Chance zu geben. Diese werden merklich anders aufgefädelt und durchgeführt, sowohl organisatorisch als auch künstlerisch.

    US-Serien werden üblicherweise mit langen Staffeln von um die 13 oder bis zu 26 Folgen angerührt und nach dem Prinzip “so lange es rentiert” produziert. Serien denen das Publikum fehlt finden eventuell schon nach der Pilotfolge oder wenigen weiteren Episoden ihr frühzeitiges Ende. Das ist dem Autor, der eine straffe und geschlossene Geschichte erzählen möchte, natürlich gar nicht dienlich. Auch nicht besser ergeht es erfolgreichen Serien: diese werden so lange ausgedehnt und mitgeschleppt bis das Publikum schlussendlich auch von ihnen die Nase voll hat. Es stellen sich Repetition, Konzeptlosigkeit, und nicht selten auch grotesker Schwachsinn im Rahmen panischer Versuche der Quotenrettung (“jumping the shark”) ein. Ausnahmen, also von A bis Z durchgeplante und durchgeschriebene, dadurch stets spannende, qualitativ hochwertige, nicht zu kurze und nicht zu lange Serien, sind eher selten. Auch wenn sie gerade auf Premium-Kabelkanälen schon vereinzelt gesichtet wurden.

    Die Briten dagegen setzen auf ein anderes Konzept: eine Staffel bewegt sich eher im Rahmen von 4 bis 6 Folgen, und wird von Anfang an als komplettes, abgeschlossenes Paket geschrieben, produziert, und ohne Wenn und Aber ausgestrahlt. Also halt mehr wie ein Film-Mehrteiler denn eine ewig weitergeleierte Fortsetzungsgeschichte à la Soap Opera. Gegebenenfalls besteht eine Option auf Weiterführung bei Erfolg der ersten Reihe; dann beginnt der Prozess von vorne mit einer neuen, abgeschlossenen, oft fast unabhängigen Staffel.

    Der Effekt den dieser scheinbar kleine Management-Unterschied hat ist frappant. US-Serien haben laufende Verträge mit ihren Schauspielern. Man weiss dass keine zentralen Figuren sterben werden (ausser ein Vertrag wird per Ende Staffel nicht erneuert, o.Ä.). Der Status Quo muss einigermassen erhalten bleiben, als Zuschauer rechnet man schon gar nicht mehr mit grossen Überraschungen oder Wendungen. Bei UK-Serien ist alles möglich. Der Hauptcharakter stirbt nach zwei Dritteln der ersten Staffel. Jederzeit möglich, da die Schauspieler ohnehin nur für ein fixes Paket verpflichtet wurden. Als Zuschauer darf man jederzeit mit allem, auch den krassesten Plotdrehern, rechnen. Sofort stellt sich ein grösseres Spannungsgefühl ein. Auch sind US-Serien generell sehr vorsichtig wenn es darum geht, etablierte Stilmittel, Schauplätze, Figuren und Beziehungen, Konzepte etc. zu ändern. Dass die Serie noch läuft heisst schliesslich dass sie dem gegenwärtigen Publikum gefällt, so wie sie ist; und dieses möchte man auf keinen Fall verlieren. Also geht man auf Nummer sicher und setzt auf die bewährten, erprobten Formeln. Auch in dieses Loch fallen UK-Serien selten. Die Staffel wurde bereits komplett abgedreht. Die Ausgaben sind ausgegeben, es gibt keine vorzeitige Absetzung zur Schadensbegrenzung. Es mag dem Zuschauer gefallen oder nicht, aber das Werk ist bereits vollendet, so wie es werden sollte. Alles ist erlaubt, und diesen Freiraum nutzen die kreativen Teams erfahrungsgemäss gerne und grosszügig aus.

    Vielleicht habe ich auch gerade aus diesen Gründen festgestellt dass die meisten US-Serien, die mir wirklich gut gefallen, solche sind die, wenn überhaupt, gerade mal eine Staffel überlebt haben, oder gar nach wenigen Folgen abgesetzt wurden. Sie haben zu viel gewagt, und sind im von kulturfremden Sesselfurzern geführten US-System gescheitert. Im “Grünes Licht geben und dann Finger weg”-Modell der UK-Sender, oder auch einiger US-Premium-Sender, hätten sie bessere Chancen gehabt ihr Publikum zu finden und zu überzeugen. (Oder vielleicht ist es wirklich nur, dass ihnen nicht ausreichend Zeit gegeben wurde, ebenfalls schlecht zu werden.)

    Auch so gibt es jedoch einige US-Serien die wirklich durchwegs überzeugen konnten, ein Ziel kannten, und kaum je in einen Trott verfielen (Twin Peaks, Veronica Mars, Lost, Awake, Homeland, Rectify, Terriers, Boss… bislang auch The Leftovers) Erfreulicherweise habe ich das Gefühl, dass mehr und mehr US-Produktionen sich ebenfalls eine Scheibe dieser UK-Serien-Qualitäten abschneiden.

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