Young Adult – Der Besuch der jungen Dame


Die Tragikomödie „Young Adult“ von Jason Reitman ist ein hochintelligentes Anti-Märchen. Die 37jährige Charlize Theron spielt eine Frau namens Mavis Gary in eben diesem Alter an dem Scheitelpunkt ihres Lebens. Ihren Job als Ghostwriterin einer Groschenromanreihe für junge Erwachsene (young adults) hat sie verloren, ihre Ehe wurde geschieden und der Aufbruch aus der Provinz in die große Stadt endete im Appartement eines anonymen Hochhauses. Sie beschließt in ihre beschauliche Heimatstadt zu reisen und ihre Highschool-Liebe Buddy Slade (Patrick Wilson) – inzwischen ist er verheiratet und Vater – zurückzuerobern. Es könnte wieder eines dieser alten neuen Hollywood-Märchen sein, doch trägt es eher Dürrenmatts Handschrift.

In „Der Besuch der alten Dame“ kehrt die reiche Claire Zachanassian heim in das Dorf ihrer Kindheit, um sich an ihrer Jugendliebelei Alfred Ill zu rächen. Sie bietet dem Kaff Güllen eine Milliarde, wenn er getötet wird. Sie erkauft sich Gerechtigkeit. Gerechtigkeit fordert nach ihrem Verständnis auch Mavis Gary, sie will sich an dem kleinbürgerlichen Glück rächen, das sie verweigerte. Wie  Zachanassians Körper nur noch von Prothesen zusammengehalten wird, so besteht ihre Jugendlichkeit aus einem Haarteil, Camouflage-Make-up und Silikon-Brustaufsätzen. Reitman inszeniert Mavis als Femme fatale, Femme fragile und Automatenfrau. Anders aber als bei Dürrenmatt ist Mavis am Ende Zachanassian und Ill in einer Person. Denn rächen muss sie sich an sich selbst. Sie ist der übelste Auswuchs der Konsumgesellschaft. Mit großer Lust an der Entlarvung und soziologischem Gespür zeigt uns der Regisseur eine sonst so schillernde Warenwelt aus Apple, Ben & Jerrys, Coca Cola, Hello Kitty, KFC und einer Wii Fit.

Glücklicherweise erscheint Buddy Slades Familienidyll nicht als wirkliche Alternative auf. Buddy, ehemals der Held der Schule, füllt nun die abgepumpte Muttermilch um und muss die Musik der Band „Nippel Confusion“, die seine Frau mit anderen jungen Müttern gegründet hat, ertragen. Jason Reitman ist ein schöner, trauriger Film über die krampfhafte Suche nach Glück gelungen. Alle Figuren sind die Opfer jener leeren Glücksverheißungen, die uns das Kino so gerne zu begehren lehrt.

„Young Adult“ ist ernster, nicht weniger komisch als „Thank you for Smoking“ und „Juno“ und verzichtet auf ein marktkonformes Ende wie in „Up in the Air“. Jason Reitman ist nun Hollywoods Ideologiekritiker Nummer Eins; ein Oscar ist damit in weite Ferne gerückt. Reitman braucht keinen.

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