Ziemlich beste Freunde


Über die erfolgreiche französische Sozialkomödie „Ziemlich beste Freunde“ (Intouchables) wurde unendlich viel geschrieben, zumeist positiv. Zugegeben: Die Regisseure Olivier Nakache und Éric Toledano haben bewiesen, daß man auch eine intelligente Mainstream-Komödie mit Pointen oberhalb der Gürtellinie drehen kann, die überdies aus dem Vergnügen die soziale Wirklichkeit nicht aussperrt. Aber warum wird in diesem Film so vehement die klassische Musik verachtet? Fast scheint es, als seien Bach, Berlioz, Chopin und Carl Maria von Weber höchstpersönlich für die Zustände in den Pariser Banlieues verantwortlich. Wenn im Hause des reichen, gelähmten Philippe (Francois Cluzet) – der Gelähmte steht hier paradigmatisch für das alte Klischee des unterleiblosen, verkopften Intellektuellen – ein Kammerorchester einige klassische Meisterwerke zum Besten gibt, langweilt sich der kleinkriminelle, schwarze Driss (Omar Sy) – seine Rolle steht Pate für das Klischee des potenten, lebenslustigen Wilden. Philippe versucht nun mit einem Potpourri der beliebtesten Klassikhits, Driss zu begeistern. Doch nicht nur er, sondern ebenso die übriggebliebenen Gäste verziehen keine Miene. Als Driss dann seine Soul-Musik auflegt, feiern plötzlich alle freudig und ausgelassen das Leben. Klassik ist für Gelähmte, Musik „von der Straße“ für Lebendige – so die Aussage. Driss bespöttelt außerdem Philippes elaborierten Schreibstil und seine Liebe zur Abstrakten Kunst.



Entlarvend aber ist die Geringschätzung der Klassik in einer anderen Szene: Philippe nimmt Driss mit in die Oper. Der Vorhang öffnet sich und ein Mann in einem albernen Kostüm beginnt zu singen „Nein, länger trag` ich nicht die Qualen…“. Offensichtlich besuchen die Zwei eine Vorstellung von Carl Maria von Webers „Freischütz“. Der Jägerbursche Max auf der Bühne sieht aus wie ein Waldtroll; schon sein Kostüm gibt die Figur der Lächerlichkeit preis. Driss fängt laut an zu lachen und Philippe stimmt bald in das Gejohle ein, sodaß sie anschließend das Opernhaus verlassen. Hier zeigt sich die besondere Dummheit des Drehbuchs, denn gerade „Der Freischütz“ spricht zu den Ausgeschlossen, den Banlieue-Bewohnern, den Diskriminierten. Der Jägerbursche Max wünscht sich sehnlichst die Heirat mit Agathe, der Tochter des Erbförsters, da so für den einfachen Mann ein sozialer Aufstieg möglich wäre. Kurz vor der Hochzeit fürchtet er sich so sehr, daß er seine Zielsicherheit verliert. „Beim Schießen zu versagen bedeutet symbolisch in dieser Welt, auch als ein Freier zu versagen“, meint der Psychoanalytiker Eugen Drewermann. Sollte er beim traditionellen Probeschießen nicht treffen, bleibt ihm die Ehe mit Agathe verwehrt. In seiner Verzweiflung und Not singt er eben diese Arie, die in „Ziemlich beste Freunde“ veralbert wird. Max spürt den gesellschaftlichen Druck, der Driss in der Vergangenheit zu einem Kriminellen werden ließ. Beide – Max und Driss – haben nun die Chance ihrer Determiniertheit zu entkommen. Max will aber auch als Liebender trotz seiner Unzulänglichkeiten von Agathe anerkannt werden; wie im Film Phillipe trotz Behinderung um eine Frau wirbt, mit der er nur mittels einer Brieffreundschaft verkehrt. Driss und Philippe stehen gewissermaßen beide vor einem Probeschuß, sie zusammen ergeben die Opernfigur Max. Hätten Driss und Philippe nicht so dämlich gelacht, hätten sie ihr Happy End bereits auf der Bühne erleben können: Auch ohne Maxens Probeschuß wird Agathe sein. Die Liebe besiegt alles – in der Oper und im Kino.


Doch leider befindet sich „Ziemlich beste Freunde“ in einer langen Traditionslinie: Eine Intellektuellenfeindlichkeit, die sich im Haß auf klassische Musik ausdrückt, ist im Mainstream-Kino immer en vogue gewesen. Bereits 1956 in dem Musical „Die oberen Zehntausend“ (Hight Society) ruft Grace Kelly kurz vor ihrer Trauung als der Hochzeitsmarsch aus Wagners „Lohengrin“ erklingt: „Stellt doch mal den Krach ab!“ Als nach einem boulevardesken Hin und Her die Hochzeit dann gelingt, spielt eine Combo um Luis Armstrong eine verjazzte Wagner-Version.

Aber was nimmt man der klassischen Musik so übel? In einer Kulturindustrie wird die Hochkultur ausrangiert, weil sie nicht versandhausgenormt, sondern widerspenstig, hartnäckig und ein Stachel in der Welt des Schönen Scheins ist. Und doch drückt sich in dem Haß auch ein Minderwertigkeitskomplex aus. Insgeheim ahnt der Mainstream, daß ihm die Höheren Weihen für immer versagt bleiben, daß Beethoven, Brahms, Mozart und Mahler unerreicht bleiben – aus gutem Grund.

Comments
5 Responses to “Ziemlich beste Freunde”
  1. Peter Auer-Grumbach sagt:

    Ich muss dir bezüglich deiner Kritik an der Verspottung der klassischen Musik in diesem Film zustimmen. Jedoch ist die Szene in der Oper wahrscheinlich nicht bewusst dazu inszeniert um eben diese “Verspottung” darzustellen. Die Szene soll dem Zuseher nur ein weiteres Charaktermerkmal von Driss vermitteln, nämlich, dass Driss in jüngeren Jahren nicht die Möglichkeit hatte, Zugriff zu Bildung zu erlangen und er sich folglich über etwas für ihn unkonventionelles “abschiebt”.

    Alles in allem muss ich noch sagen, dass dieser Film die ganze Thematik doch sehr einfach verarbeitet. Mindestens alle 30 Sekunden folgt ein neuer, äußerst banaler Gag nach dem anderen. Also ist dieser Film der richtige für unsere Gesellschaft: Ein eigentlich ernstes Thema wird mit viel einfachem Humor bearbeitet, sodass der Zuseher vom eigentlichen Sinn des Films abgelenkt ist. Dieses Konzept bewirkt im Endeffekt nur, dass der Zuschauer mit einem Grinsen den Saal verlässt und sagt: “Das war ja so lustig.”, jedoch bringt es ihn in den meisten Fällen nicht zum Nachdenken, was ja eigentlich speziell bei solch einem Film der Fall sein sollte.

    Trotzdem hast du den Film wieder sehr subtil bearbeitet, was ich an jeder deiner Filmanalysen bewundere. Nur weiter so!

    • Markus Braun sagt:

      Es ist Teil von Driss Charakter eine Abneigung gegen “klassische” Musik zu haben und ich bin mir sicher, dass es auch in der Realität Menschen mit einer solchen Abneigung gibt. Nur weil in einem Film Rollen vorkommen, die sich über klassische Musik lustig machen (Vorsicht: in einem Film wird häufig geschauspielert), bedeutet das nicht automatisch, dass der Film an sich klassische Musik verspotten will. Die Stücke, die während dem Geburtstag gespielt wurden, wurden sehr sorgfältig ausgewählt und von dem Kammerorchester gut inszeniert. Ich persönlich habe mich über die Stücke sehr gefreut und daheim gleich nochmal angehört.

      “Dieses Konzept bewirkt im Endeffekt nur, dass der Zuschauer mit einem Grinsen den Saal verlässt und sagt: “Das war ja so lustig.””
      Ich fürchte, du bist der einzige, der den Film wirklich nicht verstanden hat. Der unglaublich starke Effekt des Films kommt durch die vielen Wechsel zwischen lustigen und todernsten Szenen zustande. Ich glaube, in der Szene, in der Philippe vor Phantomschmerzen kaum noch atmen kann, habe ich keinen lachen gehört. Der Film zeigt sehr eindrucksvoll, wie lebenswert ein Leben im Rollstuhl immer noch ist, auch wenn leider nicht jeder das Glück hat, einen Driss als Freund zu haben.

  2. Marcel sagt:

    Lieber Herr Schmitt,

    aus einer bestimmten Sichtweise heraus ist es stimmig, dass “Ziemlich beste Freunde” eine Abneigung zur klassischen Musik suggeriert. Jedoch sehe ich weder die von Ihnen unterstellte Intellektuellenfeindlichkeit, noch ist es gerechtfertigt, bei einer solchen Annahme, ins andere Extrem zu pendeln und der Hochkultur den Mainstream oder der klassischen Musik die “Musik von der Straße” entgegen zu setzen – selbst wenn der Ausdruck in vorsichtige Ausrufezeichen gekleidet ist.

    Sie haben Recht, dass durch Driss gerade die klassische Musik keine sympathische Note erhält. Ich sehe das aber als ein Mittel des Films, die beiden Seiten, den “verkopften Intellektuellen” und den “potenten (…) Wilden”, miteinander zu versöhnen oder zumindest einander anzunähern. Und in diesem Punkt habe ich das Gefühl, ohne Ihnen zu Nahe zu treten, dass Sie ein wenig auf den Film hereingefallen sind. Denn gerade das Beobachten und stetige Annähern auf beiden Seiten, lässt gleichzeitig die verkrampften Gräben zwischen Hochkultur und Mainstream aufweichen. Wo ich Ihnen z.b. widersprechen muss ist, dass Driss zwar abfällig über abstrakte Kunst spricht, sich über Philippe auf sehr plumpe Weise lustig macht, doch im Verlauf des Films, er selbst zu malen beginnt (und er malt abstrakt) und dadurch sogar seine Gefühle und sein Temperament zu lenken vermag.
    Auf der anderen Seite müssen Sie zugeben, dass für jemanden, der dem Banlieu entstammt, die Oper bzw. klassischen Musik eine erstmal merkwürdige und schräge Ausformung von Kunst darstellt – selbst einer Vielzahl von Studenten fällt es schwer sich darauf einzulassen. Außerdem lässt sich einem Großteil der Musik, die dem “Mainstream” entspringt, ein tanzbarer Charakter in keinem Fall absprechen. Menschlicher Ausdruck im Tanz – ob am Wochenende in der Disko oder auf der Bühne – sollte nicht gegen “Hochkultur” ausgespielt werden. Hier ist auch das Beispiel Earth, Wind and Fire als “Musik von der Straße” ziemlich fragwürdig.

    Damit meine ich, dass der Schluss auf eine Intellektuellenfeindlichkeit ein zu schneller und waghalsiger ist. Denn es wird nicht polemisiert, es wird sich nur lustig gemacht. Zu welchem Zweck? Wie ich finde, zum Zwecke der Annäherung von Intellektualismus und Mainstream. Dass Mahler, Mozart usw. in ihrem Metier an Genialität unübertroffen sind, das stellt doch hier niemand, auch nicht der Film, in Frage – und auch der Mainstream nicht. Die Angst der Hochkultur vor ihrem eigenen Verfall und der Übernahme durch zu viel Schund aus der breiten Masse, schlägt leider zu oft in Ignoranz statt Dialog um. Und dieser Dialog existiert bereits, von beiden Seiten aus. Die Vermischung von Popkultur (in der Definition von Klassik, Jazz und Popkultur als dem Rest) und Klassik vollzieht sich seit einigen Jahren immer mehr. Popmusiker halten weiter Einzug in die Philharmonien, samt klassischen Instrumenten (Olafur Arnalds, Apparat, u.v.m.), Orchester unterstützen Metalbands für spezielle Konzerte (S&M von Metallica) und dergleichen mehr und mehr. Diese Beispiele setzen sich fort und meiner Meinung nach ist der Film ein Indiz dafür, dass der Dialog bei einem breiten Publikum Anklang finden konnte.
    Für mich hat Kunst seine Berechtigung auf einer horizontalen Ebene, nicht auf einer hierarchisch-vertikalen, bei der die Skala auch noch von oben herab festgelegt wird. Die Schwierigkeit eine Partitur von Brahms zu spielen oder zu verstehen, ist kein Beleg für eine Höherwertigkeit. Der persönliche Geschmack wird viel zu häufig als Wertmarke vernachlässigt.

    Eine letzte Anmerkung: walone77 hat Ihnen im Kommentar (auf Moviepilot) nachgetragen, dass Sie ausschließlich aus Ihrem Standpunkt heraus den Film bewerten und andere Kriterien außer Acht lassen. Es stimmt: Die Szenen, auf die Sie sich stützen, machen zehn bis 15 Minuten des Films aus, bei einer Laufzeit von 110 Minuten.

  3. r3sort sagt:

    Ich stimme Marcel vom 28.Mai voll und ganz zu!

  4. Jan Kliemann sagt:

    Ehrlich gesagt empfinde ich den Film nicht als klassikfeindlich. Es ist zum Beispiel so, dass Driss zwar am Anfang die abstrakte Kunst veralbert, dann aber selbst ein Bild malt. Genauso ist in der Szene beim Hauskonzert zu sehen, wie er mit einigen rhythmischeren klassischen Stücken ziemlich mitgeht, als sie ihm nähergebracht werden. Von einer Intellektuellenfeindlichkeit würde ich auch nicht ausgehen. Ich glaube, dass Driss in dem Film genausoviel lernt, wie sein Arbeitgeber. Ich denke, dass beide sich sehr bereichern an ihrem Gegenüber. Aber das ist nur meine persönliche Meinung…

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