Die vierte Macht


In dem Journalisten-Thriller „Die vierte Macht“ soll es politisch zugehen: Moskau, Tschetschenien, Geheimdienst, Korruption. In die Rolle des naiven Boulevard-Journalisten Jensen, der eine Moskauer Klatschzeitschrift modernisieren soll, schlüpft Moritz Bleibtreu. Die Naivität seiner Figur ist mit der seines Spiels deckungsgleich und so steht Bleibtreu wieder einmal zwischen zwei Stühlen und will auf keinem Platz nehmen. Von einem Til Schweiger hält er sich ebenso fern, wie er sich von einem Christian Petzold fern halten muß. So drückt sich seine Lage als deutscher Schauspieler des Dazwischens perfekt in der Rolle des Boulevard-Journalisten Jensen aus. Ein Mann, der sich zu nichts bekennt und der bis zum Ende im Ungefähren bleibt. Einst an einer renommierten Journalistenschule ausgebildet, die Karriere als Klatschreporter in Berlin auf den Höhepunkt getrieben, nun als deutscher Gossip-Retter in Moskau engagiert, wird Jensen mit einer durch und durch politischen Wirklichkeit konfrontiert.


Ein Photo aus dem Partyleben in Moskau ist immer auch ein politisches Statement – „Die vierte Macht“ könnte ein spannender Film darüber sein, daß gerade die leichte Unterhaltung, das Partyleben usw. eine politische Dimension haben, daß das Politische nur mit Silikon, Make-Up und maßgeschneiderten Anzügen getarnt daherkommt. Eine Lektion die man nach den fragwürdigen posthistorischen Auswüchsen der Popjournalisten/literaten (Stuckrad-Barre, Florian Illies, Ulf Poschardt) auch in Deutschland dringend bräuchte. Doch dies beabsichtigt der Regisseur Dennis Gansel leider nicht. Der Hauptfigur fehlt bis zum Schluß jegliche Einsicht in das große Ganze und allein persönliche Umstände wollen es, daß er als politischer Journalist reüssiert. Jensen hat Sex mit einer Regime-Kritikerin (Kasia Smutniak), die ihn zu politischen Taten verleitet. Einmal schmettert sie ihm sogar das berühmte Adorno-Zitat „Es gibt kein richtiges Leben im flaschen“ (Minima Moralia) entgegen; darauf kann er freilich nur dümmlich lachen. Und Jensen will seinem verstorbenen Vater, ein linker DDR-Journalist vom alten Schlage, wieder näher zukommen und versucht eine geheime Botschaft auf einem Zeitungsausschnitt zu entziffern. Ähnlichkeiten zu Daldrys „Extrem laut & unglaublich nah“ müssen zufällig sein. „Die vierte Macht“ ist auf jeden Fall an dieser Stelle eine schnöde Variante des Hollywood-Films. Doch diese Zentrierung auf die persönlichen Umstände einer Person, anstatt das politische System und den Journalismus in ihm offenzulegen, ist nicht zum ersten Mal das Problem des Regisseurs Dennis Gansel. Bereits seinen – eigentlich ganz passablen – Film „Die Welle“ läßt er unglücklich enden.


Der von dem ursprünglichen Experiment abweichende Selbstmord eines Schülers verflacht die Geschichte zu einer psychologischen Farce. Nicht länger geht es um das Verhältnis von Masse und Macht, im Fokus steht nun eine einzige labile Figur: Einer ist Täter, alle anderen „waren ja bloß“ Mitläufer. Daß in „Die vierte Macht“ am Ende ein Vater-Sohn-Konflikt gelöst wird und der Sohn gereinigt und dankbar in die gute deutsche Heimat zurückkehren kann, wiederholt den Trugschluß der „Welle“. Der Film verharrt im Reportagestil und basiert auf dem Wissen eines sporadischen Zeitungslesers. DER SPIEGEL könnte die Story – wäre sie nicht fiktiv – abdrucken. Die Zeitschrift kostet 4 Euro, eine Kinokarte für „Die vierte Macht“ ist vergleichsweise teures Infotainment.

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