Viva Riva!


Der Regisseur Djo Tunda wa Munga ist im Kongo geboren und aufgewachsen, hat in Europa studiert, um anschließend in seine Heimat zurückzukehren und dort die noch schwache kongolesische Filmindustrie zu bereichern. Sein Debüt „Viva Riva!“, dem Genre „Gangster-Film“ zugehörig, lief in einer Nebensektion auf der Berlinale 2011 und gewann den Preis für den besten afrikanischen Film bei den MTV Awards. Zu Beginn von „Viva Riva!“ sehen wir ein bisschen Lokalkolorit von Kinshasa. Jeder westliche Film, der in Afrika spielt, beginnt so. Man wartet also dann auf den weißen Mann, den Star mit Leinenhemd und Sonnenbrille, etwas verschwitzt, aber immer noch sexy. Doch diese Erwartung wird enttäuscht, kein Weißer kommt.


Stattdessen sehen wir einen rasanten Thriller voller Gewalt, Sex und Korruption mit einem kongolesischen Cast. Das Figurenpersonal des Films ist typisiert: Der Edelgangster Cesar (Hoji Fortuna) im weißen Anzug, der pornosüchtige Boss Azor (Diplome Amekindra), sein Schmuckstück Nora (Manie Malone), die allen Männern den Kopf verdreht; und der dreiste, leicht naive Desperado Riva. Riva hat eine Fässerladung Benzin gestohlen und will sie nun gewinnbringend vertickern. Der Plot erinnert nicht nur an westliche Gangsterfilme, vielmehr scheint es für den westlichen Zuschauer so, als hätte Tarantino eine afrikanische Pulp Fiction-Variation gedreht. „Viva Riva!“ hat alles, was „Scarface“, „Der Pate“ oder „American Gangster“ ausmachte, doch ist die Gewalt härter und der Sex expliziter. Auch der Gangstermythos der heiligen Familie taucht auf, wird aber radikal entmythologisiert. Ist „Viva Riva!“ also nur ein gut produzierter Genre-Film oder ist er möglicherweise intellektueller als man glaubt? Der Regisseur kennt schließlich die westlichen Vorbilder, die er nun konsequent zu Ende denkt. Wo die Inszenierung des Chauvinismus im Hollywood-Kino nie frei von Sympathien und Beschönigung ist, da ist Djo Tunda wa Munga noch einen Schritt weitergegangen. Wäre dieser Film von einem westlichen Regisseur, würde man auf der Stelle die zahllosen Klischees aufspüren und sie als kolonialistischen Blick des weißen Mannes auslegen. Das erübrigt sich hier. Was, wenn wir hier den umgekehrten – und damit viel irritierenderen – Vorgang sehen? Was, wenn „Viva Riva!“ der schwarze Blick auf den weißen Blick ist? Der Film ist die kongolesische Wiederholung des westlichen Kinos, die aber eine Verschiebung impliziert, und das ist es, was diesen Film so verstörend macht. Die Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak beschäftigt sich mit der Frage „Can the Subaltern speak?“. In ihrem Aufsatz zu der mythologischen Figur der Echo vertritt sie die These: Echo wurde bestraft und kann nun das Gesprochene nur noch wiederholen, sie hat keine eigene Sprache mehr, aber „ihre Bestrafung wird verfehlt, um auf différance zu verweisen.“ Die zeitversetzte Wiederholung, die eben nicht mimetisch ist, läßt eine Differenz (Derrida: différance) möglich werden. Damit stört Echo den herrschenden Diskurs und so ist „Viva Riva!“ das gellende Echo aus dem Kongo, das an unsere westlichen Ohren dringt. Wir bekommen die Idiotie unserer eigenen Filme vorgeführt. Speziell sei dieser Film Vertretern der Postcolonial Studies und Derrida-Anhängern empfohlen.

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