King of Devil’s Island


Es gab sie wirklich. Das Filmdrama „King of Devil`s Island“ von Marius Holst handelt von der norwegischen Gefängnisinsel Bastøy. Noch immer ist die Insel ein Ort für Strafgefangene. Bis 1970 gab es dort eine Besserungsanstalt für Jungen. Im Film kommt 1915 der Junge Erling (Benjamin Helstad), dessen Vergangenheit im Unklaren gelassen wird, auf die Insel und soll sich den menschenverachtenden Regeln dieser Institution unterwerfen. Widerreden werden bestraft, Rebellion wird brutal unterdrückt, Mitleid existiert nicht. „King of Devil`s Island“ erzählt in einer riefenstählernen Ästhetik und in gewohnter Manier von den Grausamkeiten auf der Insel.

Der Plot ist schlicht, wie so oft bei diesen Flucht-aus-Alcatraz-Filmen: Einer will ausbrechen; wird es ihm gelingen? Regisseur Marius Holst schont das Publikum mit Gewaltdarstellungen nicht. Wir sehen wie die Jungen ausgepeitscht, geschlagen und verbal gedemütigt werden. So gut gemeint das Ansinnen ist, dieses dunkle Kapitel der norwegischen Geschichte aufzudecken, so voraussehbar und eintönig ist die Kinogeschichtsstunde geworden. Jährlich gibt es solche Filme von Menschen, die in einem geschlossenen System leben müssen und gen Freiheit ausbrechen wollen; Frauen aus ihren Ehen, Kinder aus Internaten, Homosexuelle aus der Provinz, Priester aus der Kirche, Dissidenten aus einem Regime. Viele liberale Linke lieben diese Filme besonders, zeigen sie doch, daß sich der Kampf der letzten 40 Jahre gelohnt hat: Wir leben endlich in Freiheit ohne Autorität, manche gar autark. Dieses Zielpublikum beklatscht jährlich seine Errungenschaften neu und beschäftigt sich lieber ungern mit der aktuellen Unfreiheit in der Freiheit oder mit dem Preis der Freiheit (Outsourcing von Familienpflichten an günstiges – meist ausländisches – Personal; Schulen, die alle dort abholen, wo sie gerade stehen; promiskuitives Leben in „der Szene“ mit einem hohen ökonomischen und ästhetischen Druck; religiöse Orientierungslosigkeit, die in ans Universum gerichtete Wünsche mündet; Musealisierung der Regime-Kritiker für Feiertagsstunden, kurz: Wolf Biermann).

So sehr allen nach einem Winter im Frühling ein Sommer im Herbst zu wünschen ist, verkennen sie gerne die aktuelle Lage und ziehen sich entspannt in die Kinosessel zurück. Michel Foucault hat sich ein Gelehrtenleben lang mit diesen Einschließungsmilieus beschäftigt, die im 19. Jahrhundert Hochkonjunktur hatten und auch heute nicht ganz der Vergangenheit angehören. Sein theoretischer Freund Gilles Deleuze hat jedoch nach Foucaults Tod einen kleinen Text mit dem Titel „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ geschrieben, in dem er erläutert, daß sich das Zeitalter der „Disziplinargesellschaft“ dem Ende neigt (Kirche, autoritäre Eltern und Schule etc.) und wir stattdessen in einer „Kontrollgesellschaft“ leben (Unternehmen mit 360°-Beobachtung, Leben als Projekt, Weiterbildung bis zum Tode): „Man bringt uns bei, dass die Unternehmen eine Seele haben, was wirklich die größte Schreckens-Meldung der Welt ist. Marketing heißt jetzt das Instrument der sozialen Kontrolle und formt die schamlose Rasse unserer Herren.“

Die Unfreiheit tarnt sich als kreative Freiheit. Bemerkenswert ist, in der heutigen Libertinage haben sich sogar einige alte Rituale der Disziplinargesellschaft bewahrt und werden nun in einer spielerischen Form ausgelebt, was man wiederum an „King of Devil`s Island“ herrlich studieren kann. Die Darstellungen der jungen Männer im männerbündlerischen Herrschaftsraum (Gewaltexzesse in den Naßzellen) haben ihren Weg in die Arthouse-Pornographie eines Bruce LaBruce gefunden. Die gefährliche Flucht bei Wind und Wetter auf einem Ruderboot ist heute in beliebte Extremsportarten transformiert worden. Und die Peitschenhiebe auf nackte Leiber führen uns zu Michel Foucault zurück, der sich bekanntlich in Amerika (auch wenn die akademische Linke es in einem merkwürdigen Anflug von Prüderie gerne verschweigt), dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, lustvoll in die Sado-Maso-Szene stürzte. Ein bißchen von diesem Schmerz darf auch der Kinozuschauer von „King of Devil`s Island“ genießen.

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