Liebe

Mit „Liebe“ ist Michael Haneke erneut ein unglaublicher Film geglückt. Jean-Louis Trintignant, Emmanuelle Riva und Isabelle Huppert bescheren uns mit ihrem eindrücklichen Spiel das wohl intensivste Kinoerlebnis des Jahres. Damit eine Liebesgeschichte eine große, universelle Liebesgeschichte werden kann, braucht es die Form der Tragödie. Nun ist die Zeit der großen Liebestragödien eigentlich vorbei. Die Fallhöhe ist nur noch ein Stolpern und das Ende einer Liebe heißt heute „Trennung“ „Mal was Neues!“ oder einfach „Scheidung“. Deshalb fanden die beeindruckenden Liebesgeschichten des Kinos der letzten Jahre außerhalb dieses Kontextes statt: In „Nadar und Simin“ erlebten wir ein Ehedrama, das nur deshalb so dramatisch war, weil es im Iran spielte; in „Brokeback Mountain“ erlebten wir ein hinreißende Liebesgeschichte, allerdings in einer anderen Zeit, in der eine homosexuelle Liebe noch ein grenzüberschreitender Akt war. Doch die größte Fallhöhe, das tragischste Ende produziert immer noch der Tod und eben darum sind wir von „Liebe“ so ergriffen. Wenn der Mann seine Frau anblickt und sie gerade einen Schlaganfall erlitten hat und deshalb den Blick nicht erwidern kann, erleben wir das, was Roger Willemsen als „Knacks“ bezeichnet, ein Riß trennt die Liebenden. Michael Haneke schon seine Schauspieler und uns Zuschauer nicht, doch entwürdigt er an keiner Stelle den kranken Menschen. Haneke erweist sich erneut als der große Moralist des europäischen Kinos, der auch in diesem Film sehr genau reflektiert, was das Kino bewirken kann. Doch es gibt da einen Wermutstropfen: Der Mann und die Frau leben in ihrer großbürgerlichen Wohnung wie in einem Kokon und man bewundert die Aufopferung des Mannes für seine kranke Frau. Er tut das, was im Kleinbürgertum – Andreas Dresens „Halt auf freier Strecke“ hat das gezeigt – selbstverständlich wäre, in der Bourgeoisie jedoch die Ausnahme bleibt. Würde der Film in einem Reihenhaus spielen, hieße er sicher nicht „Liebe“ und er würde auch nicht so ausdrücklich als Liebesfilm rezipiert (siehe die Kritiker zu Dresens Film), vielleicht würde er ganz schlicht und ergreifend „Pflicht“ heißen. Mehr dazu im Video!

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